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Original Kopie Fälschung 1

Was ist was - und woran erkennt man es

Uuh, ein schwieriges Thema, da würde ich die Finger von lassen. So und Ähnliches war die allgemeine Reaktion befreundeter Händler und Fachleute bezüglich meines neuen Magazinbeitrages. Und es schwang auch teils eindeutig die Sorge mit, dem Kunden zu viel Hintergrundwissen an die Hand zu geben, was eventuell für das Geschäft von Nachteil sein könnte. Nun, ich bin anderer Meinung. Ich begegne gerne meinen Kunden auf Augenhöhe und wenn ich dazu einen Beitrag leisten kann (siehe Magazinartikel über Marken, Meister und Techniken in der Silbersuite), um so besser.

Aber ja, es ist ein schwieriges Thema!  Zuallererst, weil die Begriffe nicht, wie man meinen möchte, sich klar abgrenzen, sondern ganz im Gegenteil, oft ineinanderfließen. Lassen Sie mich versuchen aus dieser Melange ein paar Klarheiten herauszufiltern.

Original:

Streng genommen ist das Original entweder einzigartig oder das Erste seiner Art. Nur wer weiß schon wer im 16. Jahrhundert die „Urform“ des klassischen Besteckes, das Spatenmuster „erfunden“ hat, wer im 17. Jahrhundert auf die Idee kam, diese Bestecke mit einer rundumlaufenden Linie zu verzieren, aus dem der internationale Besteckklassiker „Augsburger Faden“ wurde. Welcher Silberschmied gab dem üblichen Barockdekor der „geraden Züge“ Schwung, den wir so ab der 2. Hälfte des 18. Jahrhundert, ganz modisch auf Kannen, Dosen, etc. als „gedrehte Züge“ finden. Bei wem hatte der englische Säulenleuchter, der heute noch im Prinzip identisch gefertigt wird, seinen Ursprung. Es gab keinen Gebrauchsmusterschutz in diesen Zeiten, in Deutschland wurde er übrigens erst 1891 eingeführt. Als Original können wir aber auch ein „echtes Exemplar“, also der Gegensatz zur Fälschung, bezeichnen, das – beim Silber durch (echte) Marken gut dokumentiert - auf einen Meister, eine Werkstatt oder Manufaktur zurückzuführen ist. Dies betrifft dann aber auch viele „Kopien“, z.B. Objekte nach alten Vorbildern. Alle sind mehr oder weniger eindeutig mit den Meistermarken der Silberschmiede als „Originale“ gekennzeichnet.

Gerade Zuege gedrehteZuege

Fälschung:

Eine Fälschung ist ein Objekt das in betrügerischer Absicht vorgibt etwas zu sein, was es nicht ist. Gefälscht wurde (und wie wir wissen, beileibe nicht nur beim Silberhandwerk) überall, zu allen Zeiten, fast alles. Der Betrug mit Silber und Gold ist an sich eine Jahrtausende alte Geschichte, wobei es früher um die Vortäuschung eines hohen Materialwertes ging. Gold und Silber lassen sich durch andere, unedle Materialien „strecken“ und als Legierungen minderen Feingehaltes verarbeiten. Objekte aus Kupfer, Bronze oder Messing wurden dick versilbert und als teures Edelmetall angeboten. So verkaufte zum Beispiel der im 16. Jahrhundert lebende Goldschmied Engelbrecht Bicker aus Altona, Petschaften und Gedenkringe, außen Gold, innen Blei. Die belegten Delikte dieser Art durchziehen die Archivalien wie ein roter Faden bis weit in das 19.Jahrhundert hinein. Um den Betrügereien von minderwertigem Silber entgegenzutreten führte man schon früh strenge, behördliche Vorschriften und Kontrollmaßnahmen ein, dem wir ein umfangreiches Stempelsystem mit städtischen Beschauzeichen, Meistermarken, Feingehaltangaben, Jahreszahlen (13. Jahrhundert) zu verdanken haben und die jedem Sammler heute unschätzbare Informationen geben.

Um die Mitte des 19. Jahrhunderts etablierte sich ein völlig andersartiger Betrug mit Silber. Es ging nicht mehr um Feingehalt und Gewicht, sondern um die Vortäuschung des antiken Wertes. Denn schon zu dieser Zeit und heute um so viel mehr, wurden und werden Preise für alte Silberarbeiten gezahlt, die ein Vielfaches des bloßen Materialwertes betragen. Grund war ein wachsendes, allgemeines Interesse am Kunsthandwerk vergangener Epochen, die Etablierung bedeutender Kunstgewerbemuseen überall in Europa, die auch Inspiration und Anreiz für eine immer größer werdende Sammlergemeinde waren. Die Nachfrage nach Antiquitäten, konnte von echten, alten Objekten bald nicht mehr abgedeckt werden, die dadurch auch immens teuer wurden. Es kam zu Produktion von Imitationen, von Kopien – und Fälschungen.

Die Zeit des Historismus, der in der 2. Hälfte des 19. Jahrhundert seine Anfänge hatte und bis weit ins 20. Jahrhundert seinen Einfluss behielt, begünstigte entscheidend diesen Trend. Ein kunstgeschichtliches Phänomen unter den Stilepochen, bei dem Architekten, Künstler und Kunsthandwerker auf Stilrichtungen vergangener Jahrhunderte zurückgriffen.

Imitationen, Pseudomarken und Falschzuschreibungen:

Hanauer Planetenpokal
So waren die Objekte aus dieser Zeit meist Imitationen alter Werke, nicht selten von hervorragender Qualität und meisterlich gefertigt, eine Mischung aus der Verwendung neuer, technischer Errungenschaften und handwerklichem Können. Nicht in betrügerischer Absicht gefertigt, sind sie nicht als Fälschungen zu bezeichnen. Das dennoch mit diesen Objekten nach altem Vorbild „Schindluder“ getrieben wurde (und wird!) ist der Falschaussage des Verkäufers geschuldet und kann den Herstellerfirmen nicht zum Vorwurf gemacht werden. Besondere Bedeutung in diesem antiken Genre kommt den Hanauer Silberwerkstätten zu, allen voran die Firma J.D. Schleißner & Söhne, sowie die Firma Neresheimer, die sämtliche europäischen Höfe belieferten und mit ihren Objekten Bewunderung und Preise auf den Weltausstellungen erhielten. Pikant ist, dass der 1825 geborene Gründer der Firma Schleißner, Daniel Philipp August Schleißner seine Ausbildung unter anderem in der Werkstatt des hochberühmten Pariser Silberschmiedes - und Fälschers, Antoine Vechte erhielt und dort auch als Mitarbeiter einige Zeit beschäftigt war. Viele dieser Hanauer Arbeiten waren so perfekt gemacht, dass sie häufig mit Originalen verwechselt wurden und irrtümlich als Arbeiten des 17. und 18. Jahrhunderts Aufnahme in Privatsammlungen fanden und so dementsprechend auch unter falscher Zuschreibung auf dem Kunstmarkt veräußert wurden. Selbst in prominenten Museen in ganz Europa fanden die Objekte – bis heute – Ehrenplätze in den Barock – und Renaissancesammlungen. Grund für die Fehleinschätzungen sind nicht zuletzt in den verwirrenden „alten“ Silbermarken, mit denen diese Stücke gestempelt sind, zu suchen. Hier tummeln sich in munterer Reihe alte Stadt-Beschauzeichen von Augsburg, Nürnberg Paris oder London mit aufwändig gestalteten „Meisterzeichen“, Lot-Feingehaltsstempel (obwohl eigentlich seit 1888 in Deutschland das metrische System zusammen mit dem Reichsilberstempel „Halbmond/Krone verbindlich vorgeschrieben war), Repunzierungsstempel und sogar Tremolierstriche. Die eigentlichen Meisterzeichen der Firmen, zum Beispiel für Schleißner & Söhne die Sichel, für Neresheimer das gotische N im Wappenschild, sucht man dagegen oft vergeblich. Auffällig ist bei genauem Hinsehen die unlogische Zusammenstellung der von anachronistischen Fehlern strotzenden Stempelreihen.

 

Marken Schleissner Neresheimer

Links das Meisterzeichen von Schleißner & Söhne, daneben eine von Schleißner verwendete Markenreihe auf einer Teedose, Dann das Meisterzeichen von Neresheimer & Söhne, daneben ein Neresheimer zugeordnetes Markenbild auf einem Zuckerstreuer. (Beides zu finden im neuen Warenangebot)

Spätesten nach Erscheinen von Wolfgang Schefflers Markenwerk „Goldschmiede Hessens“ 1976, in dem er auch die Hanauer Silbermanufakturen und deren Phantasiemarken beschrieb und dokumentierte, konnte der Fachhandel bei Unklarheiten nachschlagen. Inzwischen kann heute jeder interessierte Silberliebhaber im Internet die Hanauer Pseudomarken einsehen und zuordnen. Für die Fachleute, Handel und Auktionen gibt es also keinen Grund mehr für Fehlzuschreibungen. Dennoch gibt es sie zu Hauf. Wohl wissend oder kenntnislos, ist schwer zu sagen. Ich denke, sowohl als auch.

Sacuciere Paris Pokal Nuernberg

Links eine Sauciere, vom Auktionshaus beschrieben als „Paris 18. Jahrhundert“, ist Hanau um 1900 von der
Firma Neresheimer & Söhne, gegründet 1883.

Rechts ein wunderschön gemachter Birnenpokal vom Auktionshaus verkauft als „Nürnberg 17. Jahrhundert“
ist Hanau 19. Jahrhundert mit Nürnberger Pseudomarken, wohl Storck & Sinsheimer,
gegründet 1874 (zu finden im Warenangebot der Silbersuite).

Doppelgänger:

Ratspokal 3
Ein „Doppelgänger, eine 1 zu 1 Kopie kann mit guter Absicht gefertigt oder ein Betrug sein. Die Stadt Hanau besaß einen prächtigen, vergoldeten Silberpokal aus dem frühen 17. Jahrhundert, den berühmten „Hanauer Ratsbecher“. Als dieser um 1880 an den Freiherrn Karl von Rothschild verkauft wurde, beauftrage der Hanauer Stadtrat den Silberschmied August Schleißner damit, eine genaue Kopie dieses, für die Stadt wichtigen Stückes, anzufertigen. Diese meisterlich hervorragende Arbeit in die Nähe einer Fälschung zu rücken, wäre völlig abwegig. Anders die Fälle, die keineswegs selten waren, bei Reparaturaufträgen Originale einzubehalten und dafür Kopien zurückzugeben. Spektakulär der Fall des Salomon Weiniger, ein berühmter Goldschmied und Antiquitätenhändler in Wien. Dieser erhielt den Auftrag hochkarätige Objekte der Geistlichen Schatzkammer in Wien zu restaurieren. Heute befinden sich die Originale im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg, im Britischen Museum oder im Fitzwilliam Museum in Cambridge, während in Wien nur die Kopien zu „bewundern“ sind.


Neue Fälschungen:

Umfangreiche kunsthistorischen Forschungen und neue technische Möglichkeiten der Analyse enttarnten weitgehend diese hochkarätigen Silberfälschungen des 19. Jahrhunderts. Die Produktion einfacherer, gefälschter Silberarbeiten ging/geht unvermindert weiter und findet Interesse und Abnahme bei Sammlern und Silberliebhabern. Anstelle von prächtigem Kirchensilber und prunkvollen Renaissancearbeiten konzentrieren sich die Fälscher auf Objekte des täglichen Gebrauchs: Tafelsilber, Kaffeeservice, Dosen Humpen, Becher, Leuchter etc., wie sie vor allem das 18. Jahrhundert zeigte. Die Fälschungen der europäischen Länder beschäftigen sich meist mit nationalem Silber, das bevorzugt gesammelt wird. Im deutschsprachigen Raum ist das vornehmlich Silber aus den berühmten Goldschmiedemetropolen, wie Augsburg und Nürnberg, aber auch Hamburg, Breslau, Lübeck oder Wien. Vor einiger Zeit „stolperte“ ich in einem Auktionshaus, das eigentlich für modische Luxuswaren bekannt ist, über eine Serie von 12 Augsburger Objekten, angeblich aus dem 17. Jahrhundert. Von der „sehr seltenen Miniatur“ über Becher bis hin zu Schauplatten, ungewöhnlich. Skeptisch, aber interessiert, ließ ich mir die – natürlich nicht im Katalog gezeigten – Markenbilder zuschicken. Alle!! Objekte hatten identische Marken! Das Augsburger Beschauzeichen, den Pyr in Art des 17. Jahrhunderts in zwei Varianten und überall das Meisterzeichen AH, das, wen wundert´s, bei Helmut Seling „Die Kunst der Augsburger Goldschmiede 1529-1868“ nicht zu finden ist. Eine Fälscherserie aus gleicher Werkstatt. Ein Punzierungseisen herzustellen, sei es nun ein Sibergarantiemarke zu fälschen, ein Beschauz- oder ein Meisterzeichen, ist kein Hexenwerk.

Falsches Augsburg 1

Falsches Augsburg 2a


Zur Strategie der Fälscher gehört, die Objekte immer total verdreckt, mit Dellen, verzogenen Lippenrändern, kleinen Einrissen oder schiefen Leuchterschäften zu präsentieren. Das soll den Eindruck des „Antiken“ verstärken – und, die vielen Fehler und Ungereimtheiten verdecken: Denn bei genauem Hinsehen und  geputzt, fallen die Nähte in der Becherwand auf, die entstehen, wenn das Blechstück zusammengelötet wird, der Boden ist eingesetzt und zeigt – hier sehr gut zu sehen, Rillen der maschinellen Fertigung. Becher, aber auch Kannen des 18. Jahrhunderts sind aus einem Stück getrieben und haben so weder eine Naht, noch einen eingelöteten Boden. Auf dem Detailbild mit den Marken des Tellers sehen Sie auch schön, das schlampige, grobe Dekor mit vorgetäuschten Lötstellen. Reibt man an der Vergoldung, kommt schnell das Silber durch, wenn es denn eines ist, da die Objekte alle galvanisch vergoldet sind. Die Objekte aus dem 17. und 18, Jahrhundert haben, die damals einzig mögliche, Feuervergoldung.

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich kurze Zeit darauf einen Spontankauf tat, ohne Beschreibung und ohne Markenbilder. Unerwartet lief mir auf einer Online-Auktion ein Paar kleiner Augsburger Leuchter 17. Jahrhundert über den Weg.. Mit einer Höhe von 13 Zentimetern sind sie selten. Ich musste mich in Sekunden entscheiden – nie eine gute Idee – und ersteigerte das Paar, obgleich mit ungutem Gefühl. Dieses bestätigte sich, als ich die Leuchter aus dem Paket nahm – viel zu schwer für die Größe, billige Pressarbeit, dilettantisch gemachtes Dekor. Die Marken: der Pyr und „hello again“ - das Meisterzeichen AH.. Da ich jetzt, als warnendes Beispiel, die Leuchter in diesem Artikel vorstellen wollte, ließ ich sie auf den Silberfeingehalt von meinem Silberschmied überprüfen. Noch eine Überraschung: Sie sind noch nicht einmal Silber, nur versilbert. 500 Euro, ein Totalverlust. Also grämen Sie sich nicht, wenn Sie mal einen Fehlkauf machen, selbst Fachleute greifen manchmal voll daneben. (Vergleichen Sie dazu echte Augsburger Silbermarken)

Mein falsches Leuchterpaar

Hier mein Unglückskauf, geputzt und gerade gerichtet,  Augsburger Paar Leuchter,
Messing versilbert, gefälschte Marken

Glück hingegen hatte ich mit einem anderen Spontankauf, den ich bei einer Auslandsreise tätigte, einem barocken Tulpenbecher. Im Gegensatz zu den Leuchtern, die nur kurz auf dem Bildschirm vorbeiflimmerten, hielt ich diesen Becher persönlich in der Hand und konnte ihn eingehend betrachten und für perfekt erachten. Zudem besaß der Vorbesitzer eine Expertise, die den Becher als Augsburg um 1700 auswies. Zuhause, suchte ich dann vergeblich nach den Marken. Eines aber war bald klar: Es war kein Augsburg! Ich stellte den Becher Experten vor, einem Sammler frühbarocker Objekte und einem Händler, mit Hauptmerk auf das 16. und 17. Jahrhundert. Für beide war der Becher über jeden Zweifel erhaben, eindeutig ein Objekt aus der Zeit des frühen Barocks. Aber die Marken. Es fiel die Annahme, es könne sich eventuell um ein Stück ohne Marken gehandelt haben – ja, so etwas gibt es – und falsche Marken wurden hinterher auf das Objekt aufgebracht, um es verkäuflich zu machen. Na fein! So kam der schöne Becher erstmal in meinen Privatbesitz, bis ich Monate später zufällig auf ein Markenbild stieß, das mich flashte. Die gleichen Marken wie auf meinem Deckelbecher: Jena (eine hoch seltene Provenienz) 1699, Meister Johann Jakob Thalitsch. Inzwischen hat er - mit richtiger Zuschreibung und Expertise – einen glücklichen neuen Besitzer gefunden.

Barockbecher Jena 1699


So wie die Fälschungen alter, holländischer Miniaturen aus den Niederlanden stammen, so kommen die russischen Silberfälschungen aus den Werkstätten unserer osteuropäischen Nachbarn und aus Russland. Und es sind nicht Wenige! Vor allem die hoch bewerteten Cloisonne-Arbeiten und russische Judaika, Chanukkaleuchter, Bisamimdosen und Thorazeiger, die im Dutzend billiger auf den Floh-und Antikmärken herumliegen, werden mit Vorliebe gefälscht. Diese neuen Stücke werden bei mittleren bis kleinen Auktionshäusern rund um die Welt plaziert. Die großen Häuser, wie Sotheby´s, Christie´s, das Dorotheum, haben für jeden Bereich, so auch für diesen, Spezialisten, die Fälschungen entlarven würden. Aber auch die anderen, guten Auktionshäuser sind inzwischen aufmerksamer geworden und zumindest vorsichtig in der Beschreibung. So heißt es oft nicht mehr Meister Soundso, sondern bezeichnet ... oder auch „gestempelt mit russischen Pseudomarken“. Auf Grund der Fülle der Fälschungen, schreiben mache Auktionshäuser sogar in ihren Bedingungen „Russische Kunst und Kunsthandwerk wird ohne Gewähr versteigert“. Vorsicht, auch die vielen Tierfiguren (Elefanten, Frösche, mit "Rubin und Smaragdaugen"), die unter Fabergé laufen, meist mit falschem Meisterzeichen von Julius Rappaport , sind so falsch, wie die Nacht finster (einer meiner Lieblingssätze auf Anfragen dieser Art) Darauf sollten Sie achten: Kaufen Sie nie Silberobjekte berühmter Silberschmiede, Gustav Klingert, Khlebnikov oder Ovchinnikov oder gar Fabergé bei Wald-und Wiesen Auktionshäusern. Gerade Cloisonnéarbeiten dieser Künstler haben ihren Preis. Das Faberge Eivermeintliche Schnäppchen für 3.000,- Euro, entpuppt sich bald als teuer bezahlte Fälschung. Übrigens: Ein echtes Fabergé-Ei, wenn es denn überhaupt noch welche auf dem Markt gibt, wird im hohen sechsstelligen Eurobereich und darüber gehandelt. Aktuell, es ging durch alle Kunstgazetten, wird ein Ei für 40 Millionen Dollar angeboten! Und noch einen Aufreger haben wir dieser Tage. Die Frankfurter Allgemeine berichtete am 22.2 2021 unter dem Titel "Oje, Fabergé" über vermeindliche  Fälschungen in der Fabergé Ausstellung in der Petersburger Eremitage. Es soll sich um 20 Fälschungen als Leihgabe aus einem Privatmuseum handeln, die zwei russischen Sammlern gehören, die Präsident Putin nahestehen - "oh, quel scandale!" Er verdeutlicht aber auch gut, dass auch immer wieder Museen und Spezialisten auf Fälschungen hereinfallen: Bei Interesse: Fälschungen in der Eremitage?



Nun geht man im Allgemeinen davon aus, dass nur Objekte gefälscht werden, bei denen sich der Aufwand lohnt, also Sammlerobjekte oder  Silber mit hochwertiger Provenienz. Aber man kann überraschend eines Anderen  belehrt werden. So ging es mir mit diesem hier gezeigten, großen Sieblöffel. Vorne ein Adelsmonogramm, auf der  Rückseite ein 13 Lot  Stempel, eine Löwenmarke als Beschauzeichen (zum Beispiel für Darmstadt 18. Jahrhundert), und ein Tremolierstrich. Er ist in meinem Privatbesitz. Es fiel auf, dass er ungewöhnlich schnell so richtig schwarz wurde, eine Prüfung beim Silberschmied ergab, es ist kein Silber! Wer macht denn so etwas?


Siebloeffel Faelschung

 
Verfälschung und Veränderung:

Auch hier liegen „Gut und Böse“ dicht beieinander. Schauen wir nach England. Im 18. Jahrhundert, zur Zeit von King Georg II und Georg III, waren Terrinen, Zuckerstreuen, Dosen und vor allem die Henkelbecher und Deckelhumpen, schlich, die Wandungen glatt. Mitte des 19. Jahrhunderts änderte sich der Geschmack, hin zu üppigen, romantischen, teils verspielten Dekoren. Des „langweiligen Glatten“ überdrüssig, ließen viele Besitzer vor allem ihre glatten Becher und Humpen bei einem Silberschmied nach neuster Mode nachdekorieren, was dank des hochwertigen und dickwandigen Silbers dieser Stücke, kein Problem darstellte. Auch die in den Magazinen lagernden, schlichten Objekte wurden zwecks reger Nachfrage mit Dekoren aufgepeppt. Dies geschah nicht in unlauterer Absicht. Es entsprach einfach der Zeit. Was für Sammler alten, englischen Silbers ein nogo darstellt, ist für viele Silberliebhaber ein schönes, dekoratives Stück, das man gerne kauft und benutzt. Das ist auch meine Meinung – nur, es muss seriöser Weise erwähnt werden, wenn sich das Silber nicht mehr im Originalzustand befindet. Denn die Marken erzählen das nicht. Sie stammen aus der bedeutend früheren Zeit, der Jahresbuchstabe dokumentiert dies, in der der Becher einst gefertigt wurde. Englische Henkelbecher und nicht nur die, wurden in der Regel bis ca. 1770 auf dem Boden gestempelt, danach fanden die Marken oben auf der Seite Platz. Durch das Herausdrücken der Dekore gingen so manchmal die Marken auch verloren, man sucht sie vergebens in den Blumen, Blättern und Rocaillen. So dekorativ die Becher sind, müssen sie doch niedriger bewertet werden, als der Becher im Original und entsprechend weniger kosten.

Drei Henkelbecher

Links ein Mug, London 1773 im Original, mitte ein Mug, London 1799, im 19. Jahrhundert nachdekoriert,
rechts ein kleiner Henkelbecher aus Mailand 1935, nach dem Vorbild des englischen, dekorierten Mugs.
(Alle zu finden im Warenangebot.)

„Böses“ im Sinn hingegen haben die Fälscher russischer Objekte, die ganz perfide eine Dose, meist sind es Zuckerdosen „nachdekorieren“. Die einfache Zuckerdose ist aus der entsprechenden Zeit und weist einwandfreie, echte Marken auf. Jetzt wird sie mit spektakulären Aufbauten auf dem Deckel versehen. Jagdszenen mit Bären, Hirschen, Hunden, ganze russische Dörfer oder in Pelz gewandete Bojaren in den berühmten Toika-Schlitten, treiben da ihr Unwesen. Objekte dieser Art lassen sich in keiner Fachliteratur nachweisen. Da Auktionen diese Fantasiedosen schon lange nicht mehr annehmen, werden die Stücke, online bei eBay und Co. weltweit gestreut, angeboten – und zu Höchstpreisen von mehreren tausend Euro gekauft.

Kopie:

Wenn wir das Original, siehe oben, als einzigartig oder das Erste seiner Art verstehen, wäre jedes Objekt danach, das so aussieht, streng genommen eine Kopie. Im Gegensatz zur Kunst, bei der das durchaus zutrifft, ist das im Kunsthahnwerk  zu eng gesehen und ein wenig unsinnig. So sollten wir den Begriff Kopie auffächern, dann zeigt er sehr unterschiedliche Aspekte: Zeitgeschmack, Großaufträge, Ergänzungen, Inspirationen, der Stil vergangener Epochen, Kundenwünsche, die Klassiker und „Evergreens“, offiziell genehmigte Repliken – und Fälschungen (wie oben beschrieben).

Zeitgeschmack- die neuste Mode:

Wie die Kleidung der Gesellschaft, richtete sich auch das Kunsthandwerk nach dem neuesten Trend, der aktuellen Mode. Einer machte es vor, alle wollten es haben, viele boten es an. Das es dabei landestypische Unterschiede gab, versteht sich von selbst, daneben aber auch viel international Übergreifendes.

Baraockleuchter

Brockokleuchter 1. Hälfte 18. Jahrhundert aus Nürnberg, Augsburg, Lyon und Lausanne.

Denken wir nochmal an das Augsburger Faden Besteck, das in Deutschland ebenso beliebt war und ist, wie das „Fiddle Thread“, (also die Geige mit dem Faden, gleich Augsburger Faden) in England. Der schlichte Barockleuchter, getreppter Fuß, mal rund, mal eckig, mit geraden Zügen, von Noden unterbrochenem Schaft, wurde in den Silberwerkstätten in Augsburg wie in Hamburg oder Breslau, in Genf oder Lyon gleichermaßen ähnlich gefertigt. Nachfrage und Angebot. Unten sehen Sie ein interessantes Beispiel von zwei Leuchtern, die, das belegen die identische Wappen, mit dem die Leuchter im Inneren graviert sind, dem gleichen Haushalt zugehörig waren. Ein perfektes Paar, obwohl der eine Leuchter aus Augsburg 1722 - 1726 kommt, der andere wurde in Nürnberg 1735 - 1739 gefertigt. Wie sie zueinanderkamen, ist schwer zu sagen. Da das Wappen ein Allianzwappen ist, zwei adlige Familien in Ehe vereint, könnte jeder „seine Leuchter“ mitgebracht haben, oder die Augsburger Braut zog nach Nürnberg, wo dann ein weiterer oder auch mehrere Leuchter ergänzt wurden.

Leuchter Augsburg Nuernberg

Entwurf Rokokoleuchter
Bedenkt man, dass die Höfe in Europa Tischleuchterserien von mehreren hundert gleichen Stücken besaßen, versteht man, warum zusammenghörige Sätze identischer Leuchter, man sieht das an den gleichen Wappen-Gravuren, mit unterschiedlichen Meisterzeichen gestempelt sind. Gerade in Silbermetropolen, wie Augsburg, Paris, London kamen den Silberhändlern, die für Großaufträge sorgten, hohe Bedeutung zu. Der einfache Goldschmied konnte schwerlich mit den Höfen Deutschlands und Europas in direkten Kontakt treten. Die Silberhändler, meist selber Goldschmiede, trafen auf den großen Messen die Abgesandten der Fürstenhäuser, verhandelten die Verträge und vergaben dann die Aufträge an verschiedene Werkstätten. Als Vorlage diente eine Entwurfszeichnung oder ein „Prototyp“ , der dann von den anderen Silberwerkstätten kopiert wurde. In dem Zusammenhang finden wir auch heute immer wieder bei Paaren oder größeren Sätzen von Leuchtern, Tellern, Bechern, etc., die, tragen sie Adelswappen, letztendlich immer aus einer Großserie stammen, unterschiedliche Jahresmarken. Hier wurde später nachgeordert, ergänzt oder erweitert. Also, wenn man so will, Kopien der Erstbestellung angefertigt.




Von einem anderen interessanten Fall, weiß ich nicht so recht, in welche Kopie-Kategorie man ihn stecken soll. Ein Kundenwunsch, ganz sicher, eine Ergänzung, aber ja, eine Nachdekorierung (Verfälschung), auch das. Es geht um ein Ensemble von drei Kannen aus königlichem Familienbesitz. Die kleine und die mittelgroße Kanne stammten aus dem 18. Jahrhundert, aus der Zeit des Rokokos und wurden von einem Meister aus Celle zwischen 1750 und 1785  gefertigt. Bis auf die typischen Merkmale dieser Zeit, geschwungene Züge, die spitzen Konsolenausgüsse und die schwungvoll gedrechselten Ebenholzgriffe, waren sie unverziert. Um 1835/40 erhielt der hannöverische Hofgoldschmied Gerhard Carl Zell den Auftrag, passend zu den vorhandenen Kannen, eine Kanne von besonderer Größe (3,5 Liter) herzustellen. Das Geschmacksbild dieser Zeit wurde maßgeblich durch die Romantik beeinflusst, was im Dekor der großen Kanne sich wunschgemäß wiederspiegeln sollte. Nach diesem Vorbild wurden von Zell auch die beiden früheren Kannen nachdekoriert, denn Zell war nicht nur als Silberschmied ein Künstler seines Faches, sondern auch ein begnadeter Graveur. Die große „neue“ Kanne wurde mit 12 Lot und seinem Meisterzeichen gestempelt, bei den alten Kannen überstempelte er die alten Celler Marken. Nun ja, die größte Arbeit, mit dem höchsten künstlerischen Anspruch ging auf sein Konto.

Koenigliche Kanne Hannover


Auch das nächste Beispiel, zu finden jetzt neu im Warenangebot, gibt mir Rätsel auf. Ist es ein Fall von Inspiration, oder eine Sonderanfertigung für einen Kunden? Ich erwarb aus gleicher Provenienz eine englische Teekanne, London 1806. Diese langgezogene Form gab es zwischen 1800 und ca. 1820 und war die wohl Beliebteste der Georgien Teekannen. Sie war auch einer der ersten Kannenmodelle, die einen Silberhenkel erhielt. Daneben oder soll ich besser sagen dazu, gibt es ein ovales Tablett, eine Zuckerdose, ein größeres Mich- und Zuckerset und eine große Deckeldose für Tee oder auch Gebäck. Nur, diese Objekte wurden 100 Jahre später von der bekannten Frankfurter Silberfirma Lazarus Posen, zu dieser Zeit korrekter, Lazarus Posen Witwe, gefertigt. Alle Teile, inklusive der Teekanne sind mit  identischen Gravur-Dekoren verziert. Auch die Deckelbekrönungen in Form einer Ananas auf Blättern sind gleich, sowie die Form der Henkel. Wer stand hier wem Pate? Eine Veränderung erhielt die Kanne aber mit Sicherheit. Wie jede! Teekanne, hat auch diese ein Innensieb. Zusätzlich gibt es aber ein Teenetz. Der feine Stoff ist auf einen Silberrahmen, passgenau zur Öffnung, genäht, der auf einem nachträglich angebrachten Innenrand aufliegt. Der Kunde ist König.

London und Frankfurt


Historismus und Silber im Stil von ....

Das gehört sicher zum Thema Kopien, aber eben auch zur Fälschung, wo ich es in diesem Falle behandelt habe. Dazu sei noch hinzugefügt, dass Arbeiten im Stil vergangener Jahrhunderte, nicht auf die Silberfirmen von Hanau beschränkt waren, obgleich sie sich sehr darauf spezialisiert hatten. Auch andere Firmen in Deutschland und Europa, hier im besonderen die Niederlande, griffen Stilelemente früherer Epochen auf. Das Rokoko, ca. 1720-1780, erfuhr zwischen 1850 und 1870 ein Revival, der Begriff Zweites Rokoko wurde ein eigener Stilbegriff.

Leuchter 1 und 2 Rokoko

Links: London 1752, Mitte: Dresden um 1870, rechts: Madrid 1854

 

Klassiker und Evergreens:

Ja, es gibt sie auch beim Silber, Dinge die nie aus der Mode kommen, deren Optik unbeschadet Zeiten und Epochen überdauern, uns heute noch oder wieder gefallen und begeistern. Ist aber jetzt die englische Saliere von 1926, die genauso aussieht wie ihre Vorgängerin von 1750 eine Kopie? Ja und nein. Das ist eine Sache des Blickwinkels. Ich sagte ja schon, es ist ein schwieriges Thema.

Gerade bei den Engländer, die ihre Traditionen pflegen, finden wir viele Silberobjekte, die sich über die Jahrhunderte nicht oder nur unwesentlich verändert haben. Oben erwähnte Salieren habe ich schon aus dem 18. Jahrhundert, aus dem 19. und auch aus dem 20. Jahrhundert ge- und verkauft. Der größte Unterschied liegt im Preis. In der Optik fast nicht verändert, dafür aber durchaus in der Machart und Fertigungsweise, sind die Säulenleuchter, die es übrigens auch zur Fertigung in anderen, europäischer Silberfirmen geschafft haben. Schon im 18. Jahrhundert waren diese Leuchter immer gefüllt. Damals mit Edelholzeinlagen verschraubt, heute sind sie mit Gips beschwert, über das Filz oder Leder geklebt wird. Die ersten Sauciere in Bootform sind von den Inventarlisten von König Ludwig XIV bekannt, die Sauce Boats in England entstanden zur Zeit von King Georg I, so um 1720. Dieser Form blieben die Briten über die Zeiten treu, wie man aus der Gegenüberstellung der beiden Saucieren, die neu im Warenangebot zu finden sind, sehen kann. Und auch auf dem Bestecksektor, haben sich bei uns in Deutschland, wie in England und Frankreich, die Klassiker seit eh und je behauptet. Googeln Sie mal Augsburger Faden, dann sehen Sie, was ich meine.

England 18 Jahrhundert

England 18. Jahrhundert: Paar Salieren London 1750, Sauce Boat London 1746, Säulenleuchter Sheffield 1775

England 20 Jahrhundert

England 20. Jahrhundert: Paar Salieren Sheffield 1926, Sauciere Sheffield 1926, Säulenleuchter Birmingham 1922,
als Lampe umgearbeitet.


Repliken:

Replik Paul Revere Tiffany
Kommen wir zum Schluß zu Kopien, die wir ohne Wenn und Aber als Kopien bezeichnen können: Genehmigte Reproduktionen alter Stücke. Das wird auch ganz offiziell bekundet, entweder duch ein Zertifikat oder als Bezeichnung direkt auf dem Silberobjekt. Die kleine Schale links, ein Porriger wurde von Tiffany New York 1938 produziert. Auf der Rückseite ist das Meisterzeichen von Tiffany gestempelt, daneben die Information „Reproduktion by Paul Revere, Boston“ und, dass das Original aus der "Clearwater Collection" stammt, die im Metropolitan Museum of Art, in New York ausgestellt wird. Paul Revere lebte von 1734 bis 1818 und wird den meisten Amerikaner als berühmter Freiheitskämpfer bekannt sein. Er war aber auch Buchdrucker, Grafiker, Zahntechniker und - ein begnadeter Silberschmied.
Auch die englische Firma Nathal & Hayer, in Chester und London ansässig, reproduzierte offiziell antike, englische Silberobjekten aus den britischen Museen, zum Beispiel Krönungspokale aus dem 15. Jahrhundert. Auch das kleine Reisebesteck aus den Niederlanden von 1991, das ich in „neu eingestellt“ zeige, ist eine Replik aus dem 17. Jahrhundert, was mit einem Zertifikat der Firma Royal Begeer, eine Tochterfirma der berühmten  niederländischen Silbermanufaktur van Kempen (& Begeer), die dieses hübsche Stück fertigte, garantiert wird.

 

Replik Reisebessteck Niederlande


Wenn ich Ihr Interesse geweckt habe, für dieses umfangreiche und, wie ich finde, sehr wichtige Thema für jeden Sammler und Silberkäufer, darf ich Ihnen als weiterführende Literatur das Buch von „Ernst-Ludwig Richter, Band 4 aus der Reihe Kunst und Fälschung K & A Fachbuch Edition“ ans Herz legen. Hier erfahren Sie ausführlicher, Wichtiges über Fälschungen und Kopien des Silberhandwerke. Anschaulich mit vielen Beispielen bebildert. Archivarisch erhältlich zum Beispiel bei Booklooker.de

Literatur zum Thema

 

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